Anlässlich des diesjährigen Literarischen Frühlings war die Kulturhistorikerin Dr. Andrea Linnebach-Wegner in der vollbesetzten Aula des Gustav-Stresemann-Gymnasiums zu Gast, um den anwesenden Oberstufenkursen ihre Begeisterung für die Briefe der Brüder Grimm und deren Bedeutung für die Sprach- und Kulturforschung näherzubringen.
Ausgehend von einem kurzen Quiz zu den Covern verschiedener Märchenbuchausgaben aus aller Welt führte die Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen die Zuhörenden gemeinsam mit Moderator Klaus Brill an die Briefwechsel Jacob und Wilhelm Grimms mit ihren Eltern und Verwandten heran. Denn schon in jungen Jahren übten sich die Brüder Grimm im Schreiben und berichteten ihren Verwandten in wohl formulierten Briefen von ihren Erlebnissen. Besonders eng war der Kontakt zur unverheirateten Tante Henriette sowie zum Großvater Johann Hermann Zimmer. Diese familiären Beziehungen spiegeln sich in den erhaltenen Briefen wider, die nicht nur persönliche Eindrücke, sondern auch gesellschaftliche Strukturen und Alltagsdetails um 1800 sichtbar machen. Insgesamt mehr als 400 dieser Schreiben hat Andrea Linnebach in jahrelanger Forschungsarbeit erschlossen, ediert und veröffentlicht.
Im Mittelpunkt der Lesung standen ausgewählte Briefe, welche die Grimm-Forscherin gemeinsam mit Klaus Brill nicht nur vortrug, sondern auch historisch einordnete und damit einen ebenso intimen wie facettenreichen Blick auf das Leben der Familie Grimm in Kassel und Umgebung eröffnete. So erläuterte sie etwa die Besonderheiten der damaligen Schreibpraxis, darunter die Deutsche Kurrentschrift, die bis ins 20. Jahrhundert gebräuchlich war. Anhand eines frühen Briefes Jacob Grimms an seine Eltern wurde deutlich, wie vielschichtig solche Dokumente sind: Absender, Adressaten, sprachliche Höflichkeitsformen und sogar feine Details wie Bleistiftvorzeichnungen unter der Tinte geben Hinweise auf Entstehung und Kontext. Besonders anschaulich wurde dies durch den Hinweis, dass die Tante den Kindern beim Schreiben anfangs die Hand führte.
Die Briefe erzählen zugleich von einer Kindheit, die alles andere als unbeschwert war. Nach dem frühen Tod des Vaters und später auch der Mutter trugen Jacob und Wilhelm große Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Die Familie zog aus dem Amtshaus in Steinau in bescheidenere Verhältnisse, während die Tante in Kassel eine zentrale Stütze wurde. Sie organisierte nicht nur den Schulbesuch am Lyceum, sondern kümmerte sich auch um Unterkunft, Kleidung und kulturelle Teilhabe – etwa Theaterbesuche oder Ausflüge.
Besonders eindrücklich schilderte Linnebach den ersten Brief Jacob Grimms aus Kassel an seine Mutter, in dem er lebhaft von Eindrücken wie einer Tierschau oder einem Wachsfigurenkabinett berichtet. Gleichzeitig wurde deutlich, wie anspruchsvoll der Alltag der Brüder war: Neben dem regulären Unterricht erhielten sie täglich zusätzliche
Förderung durch Privatlehrer – von frühmorgens bis in den Abend hinein, mit Fächern wie Latein, Griechisch und Französisch.
Auch die unterschiedlichen Charaktere der Brüder traten in den Briefen hervor. Während Jacob als ehrgeizig und erfolgreich galt, tat sich der jüngere Wilhelm zunächst schwerer, erhielt jedoch besondere Unterstützung durch den Großvater. Trotz aller Unterschiede verband die Brüder ein gemeinsames Interesse an Literatur, Sprache und Geschichte – Interessen, die sich später in ihrer berühmten Sammlungstätigkeit der Märchen niederschlagen sollten. Überraschend für viele Jugendliche war dabei die Erkenntnis, dass die Märchen in den überlieferten Briefen selbst keine Rolle spielen. Linnebach erklärte, dass Märchen damals keineswegs den hohen kulturellen Stellenwert hatten, den sie heute genießen. Vielmehr galten sie oft als einfache „Ammengeschichten“.
Und auch Jacob Grimms Anspruch: „Jede Familie sollte ihr Archiv haben.“, richtete die Forscherin mit einem Augenzwinkern als mögliche Anregung an ihre jugendlichen Adressaten trotz des über zweihundertjährigen Abstands. Denn die Grimms bewahrten nicht nur Briefe, sondern auch Erinnerungsstücke wie Haarlocken oder Notizen von Spaziergängen auf und nahmen diese sorgfältig bei jedem Umzug mit. Diese außergewöhnliche Sorgfalt sei ein Grund dafür, dass die Forschung heute auf ein so reichhaltiges Quellenmaterial zurückgreifen kann.
In der abschließenden Fragerunde zeigten sich die Schüler/innen besonders interessiert an den Lebensumständen der Zeit. Themen wie soziale Stellung, Bildungschancen oder religiöse Prägung wurden ebenso diskutiert wie die Frage nach der Relevanz solcher historischen Quellen für die Gegenwart. Linnebach betonte dabei, dass gerade persönliche Dokumente wie Briefe einen einzigartigen Zugang zur Vergangenheit ermöglichen, da sie individuelle Perspektiven sichtbar machen.
Dass der Autorin und dem Moderator die lebendige Vermittlung der Texte sehr anschaulich gelungen sei, hoben abschließend auch die Schulsprecherin Amani Lidgett und der Fachbereichsleiter Christoph Heise hervor. Die Briefe der Brüder Grimm seien dabei weit mehr als historische Literatur – sie seien Zeugnisse einer bewegten Kindheit und Jugend, die den Grundstein für ein Werk legten, das bis heute weltweit nachwirkt.
Der Literarische Frühling am Gustav-Stresemann-Gymnasium wird gefördert vom „Literarischen Frühling Nordhessen“ und dem Förderverein des GSG – herzlichen Dank für diese Chancen!
Text: Christoph Heise
Fotos: Julia Roth, Christoph Heise
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