Der Holocaust-Gedenktag am Gustav-Stresemann-Gymnasium war ein Tag, an dem Geschichte nicht fernblieb, nicht bloße Zahlen und Fakten vermittelte, sondern eine erschütternde Lebensgeschichte in den Fokus rückte.
Schon am Vormittag des 27.01.2026 hatten sich das Teile des Schulgebäudes zu Räumen des Erinnerns entwickelt. Die Schülervertretung und die UNESCO-AG hatten mit großem Engagement und Kreativität Zeichen gesetzt – gegen das Vergessen, gegen Gleichgültigkeit. Unter der Leitung von SV-Verbindungslehrerin und Koordinatorin für Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage Andrea Baumann, Geschichtslehrerin und -fachsprecherin Julia Bohn und UNESCO-Schulkoordinator Dr. Johannes Salzig entstand ein vielstimmiges Mosaik aus Aktionen, Gesprächen und Impulsen, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verband und den Blick schärfte für die Verantwortung der heutigen Generation.
Noch vor Schulbeginn platzierten Schülerinnen und Schüler der UNESCO-AG einen gemeinsam mit Mitgliedern der Schülervertretung erstellten übergroßen Stolperstein im Foyer des GSG, um auf diese Weise an die aus Bad Wildungen vertriebenen Juden zu erinnern und an den Seiten des Stolpersteins notierte Gedanken von Schülerinnen und Schülern zu den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik sichtbar zu machen. Die Stolperstein-Aktion wurde in Kooperation mit dem Netzwerk für Toleranz Waldeck-Frankenberg geplant und so in ähnlicher Weise auch an anderen Schulen des Landkreises durchgeführt. Anschließend nahmen die Schülerinnen und Schüler der E-Phase und der UNESCO-AG an der Initiative #everynamecounts der Arolsen Archives teil. Zu Beginn der Veranstaltung stellte Jill Praus, Senior Program Manager der Arolsen Archives, nach einer Begrüßung von Violetta Bat vom Netzwerk für Toleranz das Projekt im Rahmen eines digitalen Einführungsvortrags vor, sodass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer danach schnell und unkompliziert mit der digitalen Erfassung von Karteikarten über Menschen, die aus Belgien und Frankreich nach Auschwitz deportiert wurden, beginnen konnten. So leisteten die Schülerinnen und Schüler des GSG einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an das Schicksal von NS-Opfern.

Im weiteren Verlauf des Holocaust-Gedenktages setzten sich weitere Schülergruppen mit der Lebensgeschichte von Lilly Jahn auseinander. Die jüdische Ärztin war nach jahrelanger Ausgrenzung und Verfolgung im Juni 1944 im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet worden. Mithilfe von unterschiedlichen Quellen, die Julia Bohn u.a. im Rahmen ihrer Tätigkeit als abgeordnete Lehrkraft in der Gedenkstätte Breitenau zusammengetragen hatte, konnten die Schülerinnen und Schüler den Lebens- und Leidensweg Jahns nachvollziehen und in die unterschiedlichen Stufen der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland einordnen. Damit waren die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe vorbereitet auf den gemeinsamen Abschluss des Holocaust-Gedenktages.

Mit der Lesung Martin Doerrys in der Aula des GSG verdichtete sich all dies zu einem stillen Höhepunkt – nicht laut, nicht spektakulär, sondern eindringlich und von innerer Wucht. Nach der behutsamen Einführung zur Notwendigkeit des Erinnerns durch Schulleiterin Iris Blum trat Martin Doerry vor die versammelte Oberstufe und begann zu lesen. Aus seinem Buch „Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn“ sprach nicht nur der Journalist, sondern auch der Enkel Lilli Jahns, der sich einer schmerzhaften Familiengeschichte stellt.
Die Geschichte von Lilli Jahn entfaltete sich Wort für Wort und verbreitete bedrückende Schwere im Raum. Es war eine Erzählung von Liebe und Verlust, von Hoffnung und grausamer Zerstörung – Eine Erzählung, die deutlich machte, dass hinter den im Geschichtsunterricht vermittelten Fakten Menschen mit Geschichten, Gesichtern, Zielen und Träumen stehen. In den Blicken der Zuhörenden spiegelte sich das Gewicht der mit außergewöhnlicher Präsenz und Authentizität vorgetragenen Worte Martin Doerrys.

Am Ende fand Schulsprecherin Amani Lidgett im Namen der Schülerschaft Worte des Dankes, die zeigten, wie tief das Gehörte nachgewirkt hatte. Deutschlehrerin Barbara Jericho, die den ersten Kontakt zu Martin Doerry hergestellt hatte, überreichte dem Autor ein Präsent – ein Zeichen der Anerkennung für seine Offenheit und seinen Mut, familiäre Wunden öffentlich zu machen.
So endete ein Tag, der mehr war als ein Gedenken: ein Tag, an dem Worte zu Erinnerung wurden und Erinnerung zu Verantwortung. Gerade angesichts aktueller antisemitischer Vorfälle bleibt das Gedenken an den Holocaust kein abgeschlossener Prozess, sondern eine notwendige Daueraufgabe von Schule – nicht nur im Geschichtsunterricht. In diesem Sinn werden die persönlichen Worte, die Lilli Jahn aus ihrer Gefangenschaft tröstend an ihre Kinder gerichtet hat, für uns als Schule zur Verpflichtung, unlöslich mit Schicksalen wie dem Lilli Jahns sowie mit unserer Geschichte verbunden zu bleiben und das Menschliche nicht preiszugeben.

_________________________________________________________________________________________________________________
Text: Barbara Jericho, Dr. Johannes Salzig
Fotos: Linda Röhner, Dr. Johannes Salzig
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von OpenStreetMap. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen